Andacht


Liebe Gemeindeglieder!

 

Erst wenn man krank ist, lernt man die Gesundheit wirklich zu schätzen. Das ist eine alte Erfahrung: solange etwas ganz selbstverständlich ist, nehmen wir es in Anspruch, oft ohne es besonders zu schätzen. So geht es uns auch aktuell in der Coronakrise. Weil infrage stand, ob die Ärzte und Pflegekräfte einem möglichen Ansturm auf die Krankenhäuser gewachsen sind, wird deren Arbeit auf einmal ganz anders wertgeschätzt. Wenn Schulen und Kindergärten geschlossen sind, kommt uns mehr zu Bewusstsein, wie grundlegend wichtig diese Arbeit ist. Konzerte finden nicht statt und wir denken darüber nach, wie lebenserfüllend die Musik ist und werden den Künstlern dankbarer. Wir können bisher nicht weit weg verreisen. Wir merken nicht nur, wie hoch das Gut der Freiheit ist, nicht nur der Reisefreiheit. Wir bekommen auch wieder einen anderen Blick auf unser unmittelbares Umfeld, das Netz von Kontakten, zu denen wir gehören und die uns Halt geben. Die Coronakrise wirft aber auch ein grelles Licht auf die Missstände: in der Fleischindustrie ist alles nur auf „billig“ ausgerichtet und wir sehen jetzt, was für eine Schweinerei das ist. Hoffentlich führt es dazu, dass die Arbeitsbedingungen besser werden und wir mehr darauf achten, wie Tiere gehalten und geschlachtet werden. Sind wirbereit, für ein gutes Stück Fleisch mehr auszugeben? Es mehr wertzuschätzen heißt auch, dass es nicht selbstverständlich jedes Mal zum Essen gehört, sondern wir es als etwas Besonderes genießen. Überhaupt wird deutlich, dass die Ausrichtung auf Effizienz uns in die Irre geführt hat. Wir sind dadurch zu abhängig geworden von Lieferketten, die in Krisenzeiten zusammenbrechen. Es darf nicht sein, dass lebenswichtige Medikamente aus Kostengründen nur noch in China oder Indien hergestellt werden. Wir dürfen nicht alles wegsparen, worauf wir in Krisenzeiten angewiesen sind.

 

Gilt das nicht auch für Glauben und Kirche? Wir haben in einem solchen Wohlstand mit übermäßig vielen Angeboten von Aktivitäten und Konsum gelebt, dass uns Gottesdienste ganz überflüssig vorkamen. Können wir die nicht auch wegsparen? Fällt das überhaupt auf, wenn wir die sang- und klanglos weglassen? Dann kam das Verbot, Gottesdienste zu feiern. Das brachte manchen neu ins Nachdenken, ob der Gottesdienst nicht doch eine sehr wesentliche Einrichtung ist. Immerhin treffen sich seit den Anfängen der Christenheit die Christen in ihren Orten Woche für Woche am Auferstehungstag Jesu, dem Sonntag, um Gottesdienst zu feiern. Nicht privat für sich, sondern öffentlich für jeden zugänglich. In der Gemeinschaft ist die Wirklichkeit Gottes ganz anders zu erfahren, so wie Jesus zugesagt hat: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Wir bringen zusammen die Nöte unserer Welt vor Gottes Angesicht. Wir feiern, dass Gottes Reich der Liebe, der Barmherzigkeit und Versöhnung schon ihren Anfang nahm. Wo sonst können wir dessen gewiss werden, dass Gottes Worte uns ewiges Leben eröffnen? Die Glocken läuten öffentlich – ein hörbares Zeichen dafür, dass der Ruf zu Gottesdienst und Gebet an alle geht, weil alle im Dorf unter Gottes gnädiger Herrschaft leben und auf ihn zugehen, ob sie etwas davon wissen oder nicht. Seit über 1000 Jahren versammeln sich die Christen in unseren Dörfern zum Gottesdienst. Es ist schön, dass wir das jetzt auch wieder dürfen – auch wenn die Einschränkungen weh tun, auf Abstand zu bleiben und nicht singen zu dürfen. Es ist meine Hoffnung, dass wir durch die Krisenzeit aus der Gottvergessenheit herauskommen und es ganz neu wertschätzen, miteinander Gottesdienst zu feiern. Lasst uns eine bewusste Entscheidung treffen, miteinander in den Spuren Jesu zu bleiben!

 Reinhard Vollmer

Mit Gott den Tag beschließen: eine Abendliturgie

 

Heilig bist DU, Ursprung der Welt.

Heilig bist DU, Ziel aller Wege.

Heilig bist DU, ewige Gegenwart.

                                          (von Jörg Zink)

 

WAS BETRÜBST DU DICH, MEINE SEELE,

UND BIST SO UNRUHIG IN MIR

HARRE AUF GOTT;

DENN ICH WERDE IHM NOCH DANKEN,

DASS ER MEINES ANGESICHTS HILFE UND MEIN GOTT IST.

                                                                      (Psalm 42,6)

 

Nichts beunruhige dich! Nichts ängstige dich!

Wer Gott hat, dem fehlt nichts.

Gott allein genügt!

                                           (von Teresa von Avila)

 

Meine Hoffnung und meine Freude,

meine Stärke, mein Licht

Christus, meine Zuversicht,

auf dich vertrau ich und fürcht` mich nicht,

auf dich vertrau ich und fürcht` mich nicht.

                                                           (aus Taizé)

 

Diesen Tag, HERR, habe ich von Dir empfangen.

Ich gebe ihn Dir zurück mit allem, was heute gewesen ist…

 

(Hier ist Raum für persönliches Erzählen mit Gott)

 

Vater unser im Himmel, …

 

ES SEGNE UND BEHÜTE UNS

DER ALLMÄCHTIGE UND BARMHERZIGE GOTT,

VATER, SOHN UND HEILIGER GEIST.

 

 (Hierbei kann ein Kreuzzeichen gemacht werden)

 

AMEN.

 



 

Liebe Gemeindeglieder!

 

Haben Sie erkannt, in welcher unserer Kirchen sich dieses schöne Kirchenfenster befindet? Es ist in Schwalbach. Es zeigt einen Kelch und darüber einen Brotteller mit einem roten Kreuz darauf.

 

Das Fenster erinnert uns an das Abendmahl. Am Vorabend des Tages, an dem Jesus hingerichtet wurde, hat er mit seinen Jüngern das Passamahl gefeiert, wie es die Juden seit ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten feiern. Mit seinen Worten zum Abendmahl sagte Jesus, welchen Sinn seine bevorstehende Kreuzigung hat. Wenn man dieses furchtbare Ende Jesu sieht, könnte man ja auch meinen, Jesus wäre mit seiner Botschaft ganz gescheitert. Aber er macht deutlich, dass er mit seinem Tod am Kreuz sein Leben aus Liebe zu uns hingibt. Die rote Farbe des Kreuzes im Kirchenfenster ist ein Zeichen dafür. „Das ist mein Leib“: Wie das Brot in viele Stücke gebrochen wird, so lässt Jesus sein Leben zerbrechen, um uns allen daran Anteil zu geben. Mit seinem Sterben erleidet er stellvertretend die ganze Verfinsterung, die sich auf unser Menschsein gelegt hat. Gott war in Jesus (so sagt es Paulus in 2. Kor 5). Gott nimmt den ganzen Gotteshass der Menschheit auf sich. Der weiße Kreis im Zentrum des Kreuzes ist für mich ein Hinweis auf diese verborgene Gegenwart Gottes in der Kreuzigung Jesu. So hat Jesu vergossenes Blut die Kraft, uns wieder mit Gott zu verbinden. Da tut sich für uns der Himmel auf, wie es in dem Fensterbild durch die blauen und weißen Wolken symbolisiert wird.

 

Jesus wollte, dass wir immer wieder Abendmahl feiern. Wir sollen das, was er damals am Kreuz für uns getan hat, heute immer wieder neu empfangen.

 

Vor kurzem sagte mir jemand bei einem Besuch: „Wenn wir im Vater unser beten: ‚vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘ und dann das Abendmahl gemeinsam empfangen, aber nach dem Gottesdienst wieder über die anderen herziehen und gar nicht vergeben haben, dann lästern wir damit Gott, oder?“

 

Das trifft in der Tat einen wunden Punkt. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht: Wenn wir Gottes so überreiche Vergebung empfangen, die uns den Himmel öffnet, dann werden wir von dieser Liebe so überwältigt, dass wir natürlich auch denen gerne vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Kann die Liebe Gottes uns erfüllen und wir bleiben zugleich hart gegenüber anderen? Das geht nicht. Wenn wir nicht vergeben, zeigen wir damit, dass wir Gottes Vergebung nicht angenommen haben! Gewiss ist es nicht leicht, zu vergeben, wenn wir tief verletzt worden sind. Wichtig ist, dass wir vergeben wollen, dass wir die Entscheidung dazu treffen und Gott bitten, dass er uns hilft. Das kann ein Prozess sein, der lange dauert, bis auch das Gefühl hinterher kommt. Aber machen wir uns auf den Weg! Dann wird das Abendmahl ein wunderbares Geschenk, das die Gemeinschaft mit Gott und auch mit den Mitmenschen vertieft.

 

Am Gründonnerstag wollen wir wieder Jesu Einsetzung des Abendmahls in besonderer Weise feiern.  Herzliche Einladung dazu!

 Reinhard Vollmer