Andacht


Predigt von Marie-Noelle von der Recke, die für unseren ausgefallenen Gottesdienst am 15. März vorgesehen war

 

Im 2. Timotheusbrief heißt es im 1. Kapitel:

 

Jedes Mal, wenn ich bete – bei Tag und bei Nacht –, denke ich auch an dich und bin dann immer voll Dank gegenüber Gott, dem ich – wie schon meine Vorfahren – mit reinem Gewissen diene. Und wenn ich daran zurückdenke, wie du ´bei unserem Abschied` geweint hast, sehne ich mich danach, dich wieder zu sehen. Was wäre das für eine Freude! ´Voller Dankbarkeit` erinnere ich mich an deinen Glauben, der so völlig frei ist von jeder Heuchelei. Es ist derselbe Glaube, der bereits deine Großmutter Lois und deine Mutter Eunike erfüllte; und auch in dir – davon bin ich überzeugt – ist dieser Glaube lebendig.

 

 Aus diesem Grund erinnere ich dich an die Gabe, die Gott dir in seiner Gnade geschenkt hat, als ich dir die Hände auflegte. Lass sie zur vollen Entfaltung kommen! Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (Neue Genfer Übersetzung)

 

Die Timotheusbriefe richten sich an einen Gemeindeverantwortlichen, einen Schüler des Paulus, der zutiefst verunsichert war. Verunsichert, unter anderem weil er noch sehr jung war und scheinbar sich in seiner Aufgabe überfordert fühlte. Heute würde man sagen, dass er an einem Burnout litt. Beide Briefe sollen ihn trösten und ermutigen, mit erneutem Elan an seine Arbeit zu gehen.

 

In seiner Begrüßung gedenkt Paulus dankbar seiner eigenen Verwurzelung im Glauben seiner Vorfahren. Er wünscht sich, Timotheus persönlich zu sehen. Er versichert ihm, für ihn zu beten. Er betont auch, dass er sich an den Glauben der Mutter und der Großmutter von Timotheus erinnert.

 

"Darum", das heißt, "auf Grund dieser tiefen Verbundenheit im Glauben", darum erlaubt er sich, Timotheus zu ermuntern. Und das tut er, indem er ihn mit einfachen Worten an Sachen erinnert, die er eigentlich schon weiß:  Er soll darüber nachdenken, was ihm gegeben wurde, als er in seinen Dienst eingesetzt wurde und an das, was er kann. Und das liegt nicht an seinen besonderen persönlichen Fähigkeiten, an seiner eigenen Stärke. Diese fehlt ihm ja gerade. Er soll sich an ein Geschenk Gottes erinnern. Dieses wurde ihm zugesprochen, als er seinen Dienst antrat. Daran, meint Paulus, soll er nun denken, er soll sich darauf zurückbesinnen, um für seine Aufgabe wieder Feuer zu fangen.

 

Wozu eine Aufforderung, nach hinten zu gucken, wenn Timotheus sich jetzt mit seiner Situation so schwer tut? Der Blick zurück soll der Stimmung widersprechen, die Timotheus heute im Griff hält. Verschiedene Bibelübersetzungen drücken diese Stimmung unterschiedlich aus mit Worten wie Angst, Furcht, Ängstlichkeit, Verzagtheit. Dagegen gilt es, Einspruch zu erheben und dies auf der Basis vergangener Erfahrungen. 

 

Mit drei Worten beschreibt Paulus das „Gegengift“, das, was es braucht, um diese Stimmung zu überwinden: Gott hat uns gegeben den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Daran soll sich heute Timotheus erinnern:

 

- Kraft. Power. Ein Begriff, der in der Bibel viel benutzt wird, besonders um von Gott zu sprechen und von Jesus. Die Briefe des Paulus benutzen das Wort immer wieder. Das Wort "dynamis" ist in unseren eigenen Sprachgebrauch eingegangen. Timotheus wird erinnert an die Dynamik des Geistes, die Kraft, mit der Jesus Menschen geheilt hat, an die Kraft Gottes, die einen Saulus zum Paulus gemacht hat, an die Kraft der Auferstehung, an die Dynamik der Verwandlung, die von Gott selbst kommt. Wer sich schwach fühlt, muss nicht verzweifeln. Denn gerade dann, wenn wir uns unserer Schwachheit bewusst werden, gerade dann, erleben wir diese Kraft Gottes. Das ist ein Paradox, eine gewagte Behauptung! Doch daran soll sich Timotheus erinnern.

 

- Liebe, nicht nur natürliche Zuneigung, sondern Agape, die Liebe, die Gemeinschaft stiftet, die Feindschaft überwindet und Menschen aufbaut. Solche Liebe ist wichtig, um Gemeindeleben zu gestalten, um Brüder und Schwestern zusammen zu schweißen, um alle Menschen in den Blick zu bekommen, nicht nur die Freunde, nicht nur die netten Leute, sondern auch die Gegner und die Feinde. Auch diese Liebe kann nur ein Geschenk Gottes sein. Zeiten der Verunsicherung oder der Verzweiflung wie solche, durch die Timotheus geht, nagen an der Liebe, am langen Atem, am Wohlwollen für andere Menschen, besonders für schwierige Menschen. An das Geschenk der Agape-Liebe soll sich Timotheus erinnern.

 

- Besonnenheit. Manche Übersetzungen sagen hier: „Selbstdisziplin“. Luther nutzte das Wort „Zucht“. Das griechische Wort hat die Nuancen von "geistiger Gesundheit", "Disziplin", "Mäßigung" und "Selbstbeherrschung", "gesunder Verstand", "richtige Erkenntnis". In einem Lexikon der Synonyme finden sich für Besonnenheit Worte wie Vernunft, Verstand, Ruhe, Weisheit. Auch dieses ist die Gabe, auf die Timotheus in seiner Situation setzen kann – Medizin, die ihm helfen soll, Selbstmitleid, hektische Gedankengänge und eine aufgewühlte Stimmung zu lindern. Daran soll Timotheus sich erinnern.

 

Drei Worte für eine neue Sicht der Dinge, drei Worte, um die Krise durchzustehen, drei Geschenke, um die eigene Berufung mit erneuerter Freude zu erfüllen: Kraft, Liebe und Besonnenheit.

 

An diesen Vers dachte ich, als ich überlegte, was in Zeiten wie der unseren gut tut. Die Probleme, die Timotheus verunsicherten, sind vielleicht nicht unsere, aber auch wir sind durch die Pandemie, die dabei ist, unsere Welt zu lähmen, zutiefst verunsichert. Und die Worte, die Timotheus zugesprochen wurden, können auch uns helfen, unsere eigene Verunsicherung zu überwinden und herauszufinden, mit welcher Haltung wir der veränderten Situation begegnen wollen.

 

Als Erstes kann der Blick zurück hilfreich sein, denn in der neuen Situation scheint alles ins Wanken zu kommen und wir verlieren die Orientierung. Bleiben wir verwurzelt in dem Glauben der Menschen vor uns, erinnern wir uns an Zeiten, in denen wir selbst zuversichtlich gewesen sind, gibt uns das eine Grundlage, auf der wir aufbauen können. Interessant ist dabei, dass Paulus das "Ich", das "Du" und das "Wir" abwechslungsweise anspricht: Er steht fest auf dem Boden der Glaubenserfahrung seiner Vorgänger und sie ist auch die Grundlage des Glaubens der Vorfahren von Timotheus. Timotheus wurde persönlich in seinen Dienst eingesetzt, aber der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit wurde nicht nur ihm gegeben, sondern "uns".  Paulus ermutigt einen einzigen Menschen, aber er behält eine weitere Dimension im Blick: die Gemeinschaft. Um die Gegenwart zu bewältigen und die Zukunft zu gestalten, ist es gut, auf Glaubenserfahrungen zurückzugreifen und an der Gemeinschaft der Glaubenden zu bauen. Timotheus ist nicht allein auf weiter Flur. Auch wir sind aufgefordert, das, was trägt, zu erkennen: der Glaube, der uns vermittelt wurde, die Menschen, die uns diesen Glauben weitergegeben haben, die Gemeinschaft, die dieser Glaube gestiftet hat und heute noch stiftet. Auch wir sind nicht alleine auf weiter Flur mit unseren Sorgen. Wir sind besser gerüstet, Krisen durchzustehen, wenn unser Leben in der Nachfolge Jesu eingebettet ist in die Gemeinschaft derer, die ihr Leben in Gottes Hand wissen. Das muss heute besonders betont werden in einer Zeit, in der sogar der Gottesdienstbesuch zu einer Ansteckungsgefahr geworden ist. Es ist umso wichtiger, Gemeinschaft zu pflegen! Fantasie ist da gefragt, um alternative Wege zueinander zu finden!

 

In den letzten Tagen habe ich immer wieder über die drei Worte gegen die Ängstlichkeit von Timotheus nachgedacht. Mir scheint, dass sie genau das beschreiben, was wir heute brauchen: Eine Spiritualität für Krisenzeiten.

 

 

Der Geist der Besonnenheit:

 

Wir sind verunsichert. Ich bin verunsichert. Wir sind so gewohnt, über unser Leben zu bestimmen. Auf einmal stimmt das nicht mehr. Wir sind erschüttert. Wir haben nicht mehr alles im Griff. Wir merken, dass wir verwundbar sind. Wir sind aber auch desorientiert: Was machen mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien, die sich schneller verbreiten als die Krankheit?

 

Es braucht zur Zeit Menschen, die zwischen Panikmache und Beschwichtigungen einen kühlen Kopf behalten, ein Wort der Weisheit sprechen, sich mit überschnellen Beschuldigungen zurückhalten, also den Geist der Besonnenheit, den Paulus als ein Gottesgeschenk beschreibt, ausstrahlen. Fundierte Informationen weiterzugeben gehört dazu, Fake News immer wieder zu widersprechen. Es ist zurzeit sehr wichtig, dass wir für Menschen, die in großer Verantwortung stehen, um diesen Geist der Besonnenheit bitten, denn sie müssen schwere Entscheidungen treffen. Wir alle brauchen Weisheit, Mäßigung, Verstand, sie aber ganz besonders. Der Timotheusbrief versichert uns: Dieser Geist ist uns gegeben!

 

 

Der Geist der Liebe:

 

Es ist erfreulich zu sehen, wie sich zurzeit das Leben neu organisiert und viele Zeichen der Solidarität von Nachbarinnen und Nachbarn gesetzt werden. Kontakte über Telefon und Whatsap überbrücken die Distanz, man erkundigt sich mehr nacheinander als vor der Krise. Die Hingabe des medizinischen Personals ist besonders vorbildlich. Schwer zu verstehen, für Kinder und Menschen mit Behinderungen, dass Liebe zurzeit am Besten durch physische Distanz zum Ausdruck kommen soll. Auch hier ist unsere Fantasie gefragt, neue Wege zu finden für unsere Kontakte zu Menschen, die wir lieben, und zu den Schwächsten unter uns. Der Geist der Liebe drängt uns aber, über den Kreis unserer Freunde und Verwandte hinaus zu schauen.  Denn, wenn wir so fixiert sind auf die Folgen der Epidemie für unser Leben und für unsere Wirtschaft, dann blenden wir viele gravierende Probleme aus. Täglich sterben Kinder im Krieg in Syrien. Eine Tragödie spielt sich in Idlib ab und auch an den Grenzen Europas, wo Tausende von Flüchtlingen vergeblich um Aufnahme flehen. Der Terrorismus macht jahrzehntelange Entwicklungsarbeit in Afrika zunichte... Was ist nun akuter? Der Mangel an Desinfektionsmitteln in unseren Apotheken oder das elende Sterben in den Kriegen dieser Welt? Der Geist der Agape-Liebe hat einen weiten Horizont. Wir sind herausgefordert, über uns hinaus zu gucken!

 

 

Der Geist der Kraft:

 

Paulus erinnert Timotheus an den Geist der Kraft. Wohl gemerkt, nicht der Allmacht oder der Stärke. Kraft von Gott erleben Menschen, die sich ihrer Schwachheit bewusst sind. Es sind keine Supermänner oder Superfrauen, die über magische Fähigkeiten verfügen. Wir sehen zurzeit, wie verwundbar wir als Menschen und als Gesellschaft sind. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Eine notwendige Ent-täuschung. Die Medizin gegen Verwundbarkeit ist nicht die Stärke, auf die unsere Welt setzt, privat wie beruflich, wirtschaftlich wie politisch. Gegen Ohnmachtsgefühle hilft nur, dass wir uns unsere Armut eingestehen und unsere Verwundbarkeit zugeben und uns dem Gott Jesu anvertrauen, der uns kennt und uns liebt und uns seine Kraft gibt.

 

Die Krise, durch die wir gehen, betrifft alle und gefährdet besonders die Schwächsten. Es wäre verständlich, in den Strudel der Depression oder der Panik zu geraten und sich von den widersprüchlichen Gefühlen treiben zu lassen. Die Seelsorge an Timotheus kann auch uns helfen, die Situation anders zu sehen. Da gilt es, sich an Essentials zu erinnern, die uns wieder auf die Füße bringen:

 

Es gibt die Geschichte der Glaubenden, ihre Gotteserfahrungen durch dick und dünn. Dieser Geschichte können wir uns jederzeit anschließen, sie zu unserer Geschichte machen. Auf dem Weg nach Karfreitag und Ostern gedenken wir der Ereignisse, die den Höhepunkt dieser Geschichte darstellen: Jesu Weg ans Kreuz und seine Auferstehung - Grund aller Hoffnung.

 

Es gibt die Gemeinschaft nach dem Willen Gottes: die Gemeinde Jesu. Manchmal ist sie ein Ort zum Kuscheln und das ist schön, aber noch wichtiger ist sie eine Realität, die in Zeiten der Krise trägt.

 

Es gibt Gegengift gegen die Ängstlichkeit. Jesus, den wir als unseren Erlöser und Herrn bekennen, hat sie am besten verkörpert: den Geist der Kraft, der uns gerade in unseren tiefsten Momenten berühren und verwandeln will, den Geist der Liebe, der uns ein unendliches Übungsfeld für den Alltag bietet und den Geist der Besonnenheit, der uns helfen will, einen kühlen Kopf in turbulenten Zeiten zu bewahren.                                                                                     


 

Liebe Gemeindeglieder!

 

Haben Sie erkannt, in welcher unserer Kirchen sich dieses schöne Kirchenfenster befindet? Es ist in Schwalbach. Es zeigt einen Kelch und darüber einen Brotteller mit einem roten Kreuz darauf.

 

Das Fenster erinnert uns an das Abendmahl. Am Vorabend des Tages, an dem Jesus hingerichtet wurde, hat er mit seinen Jüngern das Passamahl gefeiert, wie es die Juden seit ihrer Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten feiern. Mit seinen Worten zum Abendmahl sagte Jesus, welchen Sinn seine bevorstehende Kreuzigung hat. Wenn man dieses furchtbare Ende Jesu sieht, könnte man ja auch meinen, Jesus wäre mit seiner Botschaft ganz gescheitert. Aber er macht deutlich, dass er mit seinem Tod am Kreuz sein Leben aus Liebe zu uns hingibt. Die rote Farbe des Kreuzes im Kirchenfenster ist ein Zeichen dafür. „Das ist mein Leib“: Wie das Brot in viele Stücke gebrochen wird, so lässt Jesus sein Leben zerbrechen, um uns allen daran Anteil zu geben. Mit seinem Sterben erleidet er stellvertretend die ganze Verfinsterung, die sich auf unser Menschsein gelegt hat. Gott war in Jesus (so sagt es Paulus in 2. Kor 5). Gott nimmt den ganzen Gotteshass der Menschheit auf sich. Der weiße Kreis im Zentrum des Kreuzes ist für mich ein Hinweis auf diese verborgene Gegenwart Gottes in der Kreuzigung Jesu. So hat Jesu vergossenes Blut die Kraft, uns wieder mit Gott zu verbinden. Da tut sich für uns der Himmel auf, wie es in dem Fensterbild durch die blauen und weißen Wolken symbolisiert wird.

 

Jesus wollte, dass wir immer wieder Abendmahl feiern. Wir sollen das, was er damals am Kreuz für uns getan hat, heute immer wieder neu empfangen.

 

Vor kurzem sagte mir jemand bei einem Besuch: „Wenn wir im Vater unser beten: ‚vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‘ und dann das Abendmahl gemeinsam empfangen, aber nach dem Gottesdienst wieder über die anderen herziehen und gar nicht vergeben haben, dann lästern wir damit Gott, oder?“

 

Das trifft in der Tat einen wunden Punkt. Jesus hat immer wieder deutlich gemacht: Wenn wir Gottes so überreiche Vergebung empfangen, die uns den Himmel öffnet, dann werden wir von dieser Liebe so überwältigt, dass wir natürlich auch denen gerne vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Kann die Liebe Gottes uns erfüllen und wir bleiben zugleich hart gegenüber anderen? Das geht nicht. Wenn wir nicht vergeben, zeigen wir damit, dass wir Gottes Vergebung nicht angenommen haben! Gewiss ist es nicht leicht, zu vergeben, wenn wir tief verletzt worden sind. Wichtig ist, dass wir vergeben wollen, dass wir die Entscheidung dazu treffen und Gott bitten, dass er uns hilft. Das kann ein Prozess sein, der lange dauert, bis auch das Gefühl hinterher kommt. Aber machen wir uns auf den Weg! Dann wird das Abendmahl ein wunderbares Geschenk, das die Gemeinschaft mit Gott und auch mit den Mitmenschen vertieft.

 

Am Gründonnerstag wollen wir wieder Jesu Einsetzung des Abendmahls in besonderer Weise feiern.  Herzliche Einladung dazu!

 Reinhard Vollmer