Eckart zur Nieden:

 

Dumme Schafe – und ich

 

 

 

Im Weiltal bei Essershausen führte mich mein Spaziergang einen Hang entlang. Weiter unten waren Schafe eingepfercht. Sie grasten friedlich und ich freute mich an dem Anblick. Auch, weil mir die biblischen Bilder vom „guten Hirten“ Jesus und seiner Herde in den Sinn kamen.

Da sah ich auf einmal zwei Schafe außerhalb des Zauns. Dort wuchs kein Gras, da war nur gepflügtes Ackerland. Die beiden Tiere hatten das auch schon gemerkt und versuchten, zu der übrigen Herde auf der Weide zu kommen.

Was war da passiert? Als ich das Loch im Weidezaun bemerkte, konnte ich es mir denken. Irgendeine grüne Pflanze am Rand hatte die Schafe anscheinend verlockt, durch die Lücke nach draußen zu schlüpfen, um sich den Leckerbissen zu holen. Nun mussten sie feststellen, dass es hier sonst nichts zu fressen gab. Sie wollten wieder zurück, fanden aber das Loch im Zaun nicht mehr.

Eine Weile sah ich zu und überlegte, ob ich den armen Tieren helfen sollte. Da ich aber mit Schafen keinerlei Erfahrung habe und es außerdem sehr matschig war, siegte meine Bequemlichkeit über meine Tierliebe, und ich ging weiter in der Hoffnung, dass die Ausreißer irgendwann allein zurückfinden würden.

Da ging mir durch den Kopf: Wir Menschen machen es ja oft so ähnlich. Eigentlich sollten wir zur Herde des guten Hirten gehören. Und – um mit Psalm 23 zu sprechen – die „grünen Auen“ und das „frische Wasser“, die er mir bieten, sind ja auch genug. Mehr als genug! Ohne Bild gesprochen: Bei Jesus finde ich Geborgenheit in aller Angst, Freude und Trost in Trauer, einen Sinn des Lebens und ein Ziel. Aber dann ist da irgendetwas, das mich anlockt. Ich bilde mir ein, wenn ich dieses habe oder jenes tue, bringt mir das mehr Zufriedenheit. Die Enttäuschung kommt meistens schnell.

Ich vermute, dass die Schafe kaum zur Selbsterkenntnis fähig sind. Wenn doch, dann haben die beiden wohl gedacht: Es war verrückt von uns, auf so eine Verlockung hereinzufallen. Dumme Schafe waren wir! Was machen wir jetzt? Am besten, wir warten auf den guten Hirten, der uns wieder zurückbringt.

Nicht schwer zu raten, was ich mir vornahm, von diesem Erlebnis mit nach Hause zu nehmen.

 

 

 

 

 

 

Da braut sich was zusammen,

 

ist mein erster Gedanke, wenn ich mir das Bild angucke. Ein Gewitter – nicht ganz ungefährlich, wenn ich auf freiem Feld bin. In unserem Urlaub hatten wir bei Sonnenschein fast den Gipfel erreicht, da wurde es hinter der Bergkette sehr dunkel und man hörte ein Grollen. Schnell runter! Trotz guter Regenjacken waren wir bald durch und durch nass. Wie gut tut dann ein heißer Tee im Trockenen!

 

Da braut sich was zusammen: Diesen Eindruck haben viele: Die Klimakatastrophe; unzählige Menschen weltweit  auf der Flucht; Artensterben; brennender Regenwald; die Technisierung unseres Lebens; wegrationalisierte Arbeitsplätze; Angst vor Terror und neuen Kriegen…  Da braut sich was zusammen. Und in unserer Kirche ist die Entwicklung auch nicht ermutigend.

Dabei ist unser christlicher Glaube für unsere Gesellschaft wichtiger denn je. Drei Gründe will ich nennen.

 

Erstens: Hoffnung statt Resignation. Die Klimaforscher trauen sich nicht, deutlich zu sagen, dass das Zwei-Grad-Ziel gar nicht mehr erreichbar ist. Sie befürchten, dass Engagement in  Resignation umschlägt, nach dem Motto: Der Klimawandel ist unaufhaltsam, jetzt schauen wir, wie es sich damit leben lässt (und wer nicht mehr überlebt…). Der christliche Glaube bewahrt uns davor aufzugeben! Gott hat das Universum geschaffen. Er wird seine Schöpfung nicht fallen lassen. Die ganze Kreatur seufzt nach Erlösung, schreibt schon Paulus. Jesus ist die Gewähr dafür, dass Gott das, was er begonnen hat, auch zu einem guten Ziel bringt, dass sein Reich kommt. Dabei behalten wir Menschen die Aufgabe, dass uns diese Erde anvertraut ist, um sie zu bearbeiten und zu bewahren. Die Hoffnung auf Gott gibt uns die Kraft, trotz der Katastrophen nach vorne zu blicken und anzupacken.

 

Zweitens: Mitgefühl statt Härte. Je schlimmer es wird, desto mehr sind wir als privilegierte Bewohner dieser Erde versucht, unsere Schäfchen ins Trockene zu bringen. So werden immer mehr Mauern gebaut, in unseren Köpfen und auch in der Realität. Aber wollen wir wirklich, dass es immer kälter und liebloser zugeht? Der Glaube, dass Gott in Jesus zu uns herunter gekommen ist, macht uns barmherzig und menschlich, dass wir die nicht vergessen, die unter die Räder kommen.

 

Drittens: Fröhlich verzichten. Wenn wir wirklich die Schöpfung bewahren wollen, müssen wir unseren Konsum einschränken und unseren Lebensstil ändern. Trübe Aussichten für alle, die keinen anderen Lebenssinn kennen als in Saus und Braus zu leben. Der christliche Glaube gibt einen anderen Blick: wirklich erfüllend ist es, zu lieben. Wer Liebe schenkt, bekommt Liebe, Dankbarkeit und Wertschätzung zurück. Das macht unser Leben wirklich reich. Dann können wir fröhlich auf das Überflüssige verzichten.

Unsere Gesellschaft braucht die Christen, die Hoffnung ausstrahlen, menschlich bleiben und fröhlich einen neuen Lebensstil praktizieren. Unsere Gesellschaft braucht die Gemeinde, sie braucht Dich!

 

Pfr. Reinhard Vollmer

 



In memoriam Hermann Kranz (+ 28.8.19)

 

Er war sehr eng mit der Kirchengemeinde Bonbaden verbunden, hatte 36 Jahre lang das Presbyteramt inne.

 

 

 

Die Traueransprache vom 12.9.19 (in Auszügen)

 

Liebe Luise! Liebe Kinder und Enkel!

 

Liebe Angehörige und Mittrauernde!

 

Mit Hermann Kranz geht eine Ära in Bonbaden zuende!

Nicht nur, dass er der letzte Landwirt im Vollerwerb hier war, er war auch derjenige, der sich wie kein anderer in der Dorfgeschichte der letzten 100 Jahre auskannte. Hermann konnte man fragen nach den Traditionen hier im Dorf, genauso wie nach Verwandtschaftsverhält-nissen oder wer mit wem im Jahrgang war. Er wusste Bescheid.

Und so geht mit Hermann auch ein Stück Dorf-Gedächtnis verloren.

Er hinterlässt ein großes Loch: bei Dir, liebe Luise, am allermeisten, und bei Euch als Familie, aber auch hier im ganzen Dorf.

Hier wurde er geboren am 29. Jan. 1934. Er wuchs mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Gudrun in der Hauptsraße auf.

Der Vater, Karl Gustav Kranz, war von Beruf Schneider und führte einen Kaufmannsladen. Die Mutter Else war für die Landwirtschaft zuständig; und sie war eine flinke Bäuerin, der die Arbeit gut von der Hand ging. In ihre Fußstapfen ist Hermann getreten. Er musste schon früh mit anpacken, da der Vater zu den Ersten gehörte, die in den Krieg zogen. So wuchs Hermann weitestgehend ohne seinen Vater auf.

Hermann war ein guter Schüler und war selbst im Handarbeiten sehr geschickt. Er bestand die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Doch

dahin zog es ihn überhaupt nicht. Er wollte Landwirt werden.

Aber sein Vater verlangte erst einmal eine Handwerkslehre von ihm. Und so machte er eine Schreinerlehre bei Friedrich Watz, hier im Dorf.

Dann aber stieg er ganz in die Landwirtschaft ein. Er lernte alles von der Pieke auf: mit Sichel und Sense, mit Pferd und Wagen. Über zwei Jahre besuchte er die landwirtschaftliche Winterschule in Wetzlar.

Hermann hat viel gearbeitet in Feld und Garten, in Stall und Scheune. Dazu erweiterte er das Haus, baute Stallungen aus und baute die große Scheune. Im Winter war er oft zu Holzfällarbeiten im Wald beschäftigt. Gerne hat er dann auch schöne Körbe geflochten.

Bei der Arbeit, die bei ihm zügig aber nicht hektisch verlief, hat er gerne sein Gedächtnis geschult. Das geschah auch dadurch, dass er beim Arbeiten Gedichte formulierte, natürlich in Mundart. Ihr habt erzählt, dass er oft erst nach Tagen -wenn das Gedicht in seinem Kopf fertiggestellt war- es aufgeschrieben hat. Ein enorm geschultes Gedächtnis!

Und mit seinen Mundartgedichten hat er dann so manche Feier der Familie oder auch hier im Dorf bereichert.

Sein Gedächtnis hat er auch geschult, indem er täglich Buch geführt hat -seit seiner Jugend- über das Wetter und über das, was Ihr an diesem Tag gemacht habt. Er hat damit seinen „Bauernkalender“ über fast 70 Jahre hin erstellt – eine Besonderheit!

Gerne hat er auch Kinder mit hineingenommen in die landwirtschaftlichen Grundkenntnisse, natürlich seine Enkel…, aber auch die Schülerinnen und Schüler unserer Grundschule: wenn er ihnen zeigte, wie Korn gesät oder Kartoffeln gesetzt wurden.

Wo er was weitergeben konnte, hat er es gerne gemacht. Das war nicht nur sein Knowhow. Er nahm sich auch ein Päckchen frischer Eier und brachte sie der kranken Nachbarin. Wer was von ihm brauchte, bekam es: ob es Gerätschaften oder Werkzeug, ob es Gemüse, Blumen oder Stroh war, selbstverständlich!

Und: Er nahm sich die Sense und mähte die Grünfläche der Kommune, oder schnitt die Kirchenmauer frei. Und wenn man ihn nicht zufällig dabei gesehen hätte, hätte man nicht gewusst, wer wieder dafür gesorgt hatte, dass es schön aussah.

Er sprach nicht darüber. Es war für ihn selbstverständlich, das zu tun, was er konnte. Und wenn man ihn drauf ansprach, sagte er: Das war mir keine Arbeit, das hab ich gern gemacht.

Ich habe von keinem hier im Dorf so viel Gutes und Dankbares gehört wie von Hermann – und das zu seinen Lebzeiten!

Streiten konnte man mit ihm nicht. Sein Motto war: Zum Streiten gehören zwei Seiten! Und weil seine Seite nicht mitstritt, wurde es nichts mit dem Streiten.

Auch in unsere Kirchengemeinde hat er sich über Jahrzehnte aktiv eingebracht. 1972, in der Zeit von Pfr. Buhre, wurde er Presbyter, leitete die Gemeindearbeit mit in den Amtszeiten von Pfr. Vogel und Pfr. Süberkrüb bis in unsere Zeit; 2008 ist er aus Altersgründen nach 36 Jahren aus dem Presbyterium ausgeschieden. Eine Reihe von Jahren hat er auch das Kirchmeisteramt ausgeführt. Auf ihn war Verlass. Er ging verantwortungsvoll mit dem ihm Anvertrauten um. Und er war glaubwürdig: sein Glaube hatte Hände und Füße!

Er war ein großes Geschenk für`s ganze Dorf!

Du, liebe Luise, hast ein Gedicht gefunden, das eigentlich auf die Todesanzeige sollte, aber dafür zu lang war, deshalb soll es hier erwähnt werden. Es passt zu Hermann:

Die Stunde ist gekommen, beendet ist dein Tun.

Die Kraft ist dir genommen, die niemals wollte ruhn.

Stets bescheiden, allen helfend, so hat jeder dich gekannt.

Ruhe sei dir jetzt gegeben, schlafe wohl und habe Dank!

Hermann wurde am 21. März 1948 konfirmiert. Er bekam damals einen ungewöhnlich langen Konfirmationsspruch. Pfr. Kauker hatte wohl gemerkt, welch ein gutes Gedächtnis dieser 14-jährige hatte.

Ein Wort aus Psalm 57:

 

Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig!

Denn auf dich traut meine Seele,

und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht,

bis das Unglück vorübergehe.

 

Ob  Pfr. Kauker bei dem Unglück an den Krieg dachte?

Sei mir gnädig, Gott!

Hermann wusste darum, dass wir Gottes Gnade brauchen, 

dass wir uns das Heil, das Heilsame nicht erkaufen können und täten wir noch so viel Gutes. Wir sind auf Gottes Gnade angewiesen.

Aber nicht so, dass wir bangen müssten, ob ER uns gnädig ist oder vielleicht auch nicht.

Dafür hat ER seinen Sohn in diese Welt gesandt, damit alle durch IHN das Heil bekommen können, das Heil, das kein anderer geben kann: die Verbindung zum himmlischen Vater, die uns letztlich den Himmel schenkt.

Wir können ihn uns nicht verdienen, wir können ihn uns nur von Jesus schenken lassen! IHM vertrauen, das ist der Schlüssel zu diesem Geschenk. Und durch dieses Vertrauen bekommen wir die Gewissheit, dass Gott uns gnädig ist.

Sei mir gnädig, Gott, denn auf dich traut meine Seele,…

Hermann hat dieses Vertrauen gelebt, indem er immer wieder den Kontakt zu Gott gesucht hat: im Beten, das ihm wichtig war;

auch im Beten für andere: so hat er –wenn ein Nachbar verstorben war- das Vaterunser für ihn gebetet. Vor einem offenen Grab stehend hat er das Kreuzzeichen gemacht und so den Verstorbenen unter den Segen des Gekreuzigten und Auferstandenen gestellt.

Er hat den Kontakt zu Gott gesucht – im Hören auf Gottes Wort: Beim Lesen der Bibel, beim Sprechen darüber im Bibelgesprächskreis, beim Hören der Predigt.

So konnte sein Vertrauen in Gott wachsen.

Sei mir gnädig, Gott, denn auf dich traut meine Seele

und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht,…

Ein Bild, das Hermann gut kannte: die Küken, die unter den Flügeln der Henne Schutz suchen - vor dem Bussard, der über ihnen kreist.

Ein hilfreiches Bild, das uns zeigt, wer Gott für uns sein kann, wenn uns Angst überfällt.

Keiner, der vor Angst gefeit wäre! Doch wohl dem, der den Ort kennt, an den er fliehen kann!

In Jesus Christus finden diesen Zufluchtsort, der uns schützt,

damit die Angst uns nicht gefangen nimmt, bitter und krank macht.

Bei IHM finden wir diesen Schutz.

Das ist Gnade!

Darum können wir immer wieder neu bitten:

Sei mir gnädig, Gott!

Denn auf dich vertraue ich,

und unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht,

bis die Angst vorübergeht. Amen.

 

                                                                                                   Pfrn. Kirsten Vollmer