Als ich Kind war, gab es einmal bei einem Kindergeburtstag für jeden eine besondere Überraschung. Ich sollte etwas zu sehen bekommen, was noch kein Mensch je auf der Welt gesehen hatte. Ich war sehr gespannt. Ausgerechnet ich als erster Mensch überhaupt? Was konnte das sein?

 

Es war der Inhalt einer Walnuss! Ich durfte sie knacken und als erster den Walnusskern betrachten. Ein bisschen enttäuscht war ich schon. Andererseits: es ist ja wahr, und das wurde mir auch bewusst, und ich habe es seitdem behalten .

 

Wie viel gibt es, was noch nie eines Menschen Auge erblickt hat! Man kann so eine Walnuss in die Hand nehmen und wirklich ins Staunen kommen über die Schöpfung und über den Schöpfer. Erstaunlich, dass es überhaupt etwas gibt! Und dass sich so viel komplexes Leben entwickelt hat. So viel Formschönheit auch im Kleinen!

 

Und noch viel mehr staune ich darüber, dass der Schöpfer nicht nur im Hintergrund von allem geblieben ist, sondern mit Jesus zu uns gekommen ist, auf unseren winzigen Planeten in diesem riesigen Universum. Dass der Schöpfer an uns denkt, dass wir IHM nicht egal sind, obwohl wir nur ein Staubkörnchen sind, ein kurzer Hauch in den Zeiträumen des Universums – wie tief geht seine Liebe zu seinen Geschöpfen!

Das Jesuskind in einer Walnussschale. Der, den auch das All nicht umfassen kann, kommt in das ganz Kleine!  So staunte schon Martin Luther in seinem Weihnachtslied über dieses unfassbare Wunder:

 

Den aller Welt Kreis nie beschloss,

 der liegt in Marien Schoß;

 er ist ein Kindlein worden klein,

 der alle Ding erhält allein.“

(eg 23)

 

So wünsche ich Ihnen fröhliche und erstaunliche Weihnachten!

Pfarrer Reinhard Vollmer

 

 

 

 

Zwei Streichhölzer

Eine Geschichte von Eckart zur Nieden

 

 „Verrückt! Einfach verrückt!“ Frieder steigerte sich richtig in seinen Ärger. „Warum steckst du nur immer und immer wieder die abgebrannten Streichhölzer in die Schachtel zurück? Dabei habe ich das schon hundert Mal gesagt!“

 „Komm, hör auf!“ Simone ahnte, dass er sich nicht so bald beruhigen würde, wenn er einmal in Fahrt war. Und das am Heiligabend!

„Kannst du mir einen vernünftigen Grund nennen, warum du immer diese Sauerei mit dem schwarzen Krümelzeug… und dann braucht man immer erst die Brille, um zu sehen, welches Streichholz wohl noch zünden könnte, und weil man das nicht rauskriegt mit den Fingern, muss man immer alles…“

„Mach doch nicht so ´n Theater wegen einem Streichholz oder zweien!“

Er warf die Schachtel auf den Tisch neben das Gesteck, das er eigentlich anzünden wollte, und verließ unter wortlosem Protest die Weihnachtsstube. Am liebsten hätte er die Tür zugeknallt, was aber nicht ging, weil die kleine Katherina davor stand und herein drängte.

„Kann ich jetzt reinkommen, Papa?“

„Meinetwegen. Es findet aber keine feierliche Bescherung bei Kerzenschein statt. Ich habe kein Streichholz gefunden.“ Er eilte in sein Arbeitszimmer. Mein Gott, wie regt die Frau mich manchmal auf!, dachte er. Na ja, mit Gott hatte das wohl nichts zu tun. Oder vielleicht doch?

Als er nach dreizehneinhalb Minuten wieder zurückkam, rief ihm Katherina entgegen: „Wo warst du denn, Papa? Mama hat mir eine Geschichte erzählt, von den Schafen auf dem Feld von Bethlehem, wie die Engel kamen.“

Er sah, wie Simone auf dem Tisch die Streichhölzer spielerisch geordnet hatte. „Es waren lauter weiße Schafe und zwei schwarze“, sagte sie. Leise, aber mit einem leicht trotzigen Unterton.

„Erzählst du mir auch eine Geschichte, Papa?“

„Ja“, sagte er und setzte sich neben Simone. Er legte den Arm um sie und flüsterte: „Entschuldige bitte!“ Sie reagierte nicht. Katherina kletterte auf seinen Schoß.

„Also: Es war mal eine Stadt, da herrschten Dunkelheit und Kälte. Das war in der Zeit, als es noch keinen elektrischen Strom und so was gab. Die Leute hatten zwar alle Kerzen und Öfen mit Kohle. Aber sie hatten keine Streichhölzer. Sie durchsuchten alle ihre Häuser vom Boden bis zum Keller. Manchmal fanden sie eine Schachtel, aber es waren nur abgebrannte Hölzchen drin. So mussten sie schrecklich frieren und Angst haben im Dunkeln. Auf einmal aber sagte eine Stimme vom Himmel zu einigen armen Leuten: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude! Seht mal im Stall nach! Da findet ihr Licht und Wärme. Und sie kamen eilend und fanden beides. Hier brannte tatsächlich eine Kerze und ein Ofenfeuer. Sie entzündeten daran ihre Lampen, und daran zündeten wieder alle anderen ihre Kerzen und ihre Öfen. Ich auch.“

„Du?“, staunte Katherina.

Simone sagte leise: „Kannst du mir auch mal Feuer geben?“