Eckart zur Nieden:

 

Die Wäscheklammer

 

 

 

Vor ungefähr achtzig Jahren habe ich das Licht der Welt erblickt. Vor ungefähr neunundsiebzig Jahren habe ich die ersten Schritte in diese Welt getan.

 

Wie das vor sich ging, weiß ich natürlich nicht mehr aus eigner Erinnerung, aber man hat mir später davon erzählt.

 

Ich tat mir schwer mit den ersten Schritten. Meine Mutter musste mich an der Hand halten, wie das die meisten Mütter mit den meisten Kindern tun. Als sie fand, es würde nun Zeit, dass ich meine Angst überwinde und alleine laufe, wandte sie einen Trick an. Sie drückte mir eine Wäscheklammer in die Hand, die sie am anderen Ende hielt. So tippelte ich mit ihrer Hilfe durch die Wohnung.

 

Irgendwann ließ sie die Klammer los. Ich aber nicht. Ich hielt sie tapfer hoch, als würde sie mich noch mit meiner Mutter verbinden. Für meine Balance brauchte ich sie eigentlich nicht, aber wohl für mein seelisches Gleichgewicht. Ich klammerte mich also an die Klammer in der irrigen Meinung, sie gäbe mir Halt. Dabei gab umgekehrt ich ihr Halt.

 

So hat meine Mutter es mir später erzählt. Es muss ein lustiges Bild gewesen sein, wie der Kleine durch die Stube tappte mit hoch erhobener rechter Hand, und darin einer hölzernen Wäscheklammer.

 

Es dauerte nicht mehr lange, bis ich ohne diese Hilfe laufen konnte, die ja gar keine Hilfe war. Es dauerte aber länger, bis ich einen Halt für mein ganzes Leben fand. Was ich damit meine?

 

Wir Menschen neigen dazu, einen Halt für unser Leben in Dingen zu suchen, die in Wirklichkeit wir erst selbst halten müssen – Hobbys etwa, Besitz oder das Streben nach Anerkennung. Aber was wir uns erarbeiten müssen, was wir also selbst halten müssen, gibt uns nicht wirklich Halt. Denn wenn wir fallen, fällt es auch. Nur was von uns unabhängig ist, was größer und stärker ist als wir selbst, kann uns Halt geben. Das habe ich im Glauben an Jesus Christus gefunden. Er streckt uns Menschen liebevoll seine Hand entgegen. Wir müssen sie nur ergreifen. 

 

 

 

 

 

 

 

„Wer Gott malen wollte, müsste ein flammend Herz und Feuersglut abmalen“,

 

äußerte Martin Luther einmal. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich unser schönes Pfingstantependium in der Bonbadener Kirche (Vorhang vor dem Altar) sehe: Es erinnert an die Lebendigkeit der Flammen, die Wärme und das Licht, die von einem Feuer ausgehen. Ein Bild für die Liebe Gottes, die man gar nicht erfassen kann, ohne selbst schon von ihr erfasst zu werden. So wie beim Feuer der Funke überspringt und seine Wärme uns durchdringt, so gehen von Gott Kraft und Liebe aus.

 

Das meint die Bibel, wenn sie „Heiliger Geist“ sagt. Die 12 Jünger Jesu haben das zum 1. Mal am Pfingstfest erlebt. Obwohl Jesus ihnen vorher schon als Auferstandener begegnet war, waren sie mutlos, innerlich lahm. Sie konnten nicht selbst in sich Begeisterung wecken. Aber dann wurden sie plötzlich mit dem Heiligen Geist erfüllt. Das war so, als wenn Feuer sie erfasst und angesteckt hätte (vergleiche Apostelgeschichte 2). Von dem Moment an waren sie mit Feuereifer dabei. Alle Ängstlichkeit war wie weggeblasen. Sie waren entflammt für Jesus und lobten Gott mit brennendem Herzen.

 

Auf dem roten Antependium, das  zu Pfingsten vor dem Altar hängt, sehen wir diese 12 Flammen der Jünger, und in der Mitte die Erdkugel, die von diesem Feuer der göttlichen Liebe erfasst wird. Hatte Jesus doch gesagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lukas 12,49). Tatsächlich ist seit diesem Pfingstereignis die Botschaft von Jesus rund um den Erdball gegangen.

 

Wir brauchen dringend dieses Feuer des Geistes. Denn ohne sein Wirken können wir gar nicht an Jesus Christus glauben. Wenn wir entdecken, dass unser Glaube fast erloschen ist, dass wir lau und teilnahmslos geworden sind, unzufrieden mit Gott und uns selbst, dann lasst uns neu um Gottes Geist bitten, z.B. mit dem schönen, alten Pfingst-Hymnus „Komm herab, o Heilger Geist“ (siehe nächste Seite). 

 

So wünsche ich Ihnen das Feuer des Heiligen Geistes!

 

Pfarrer Reinhard Vollmer