Geschichten von Eckhart zur Nieden



Eine Ostergeschichte

 

Wir waren mit einer Reisegruppe in Jerusalem. Dort wollten wir das so genannte „Gartengrab“ besuchen. Darin war nicht, wie manche irrtümlich meinen, Jesus begraben. Aber es ist das einzige erhaltene Grab in der Art, wie wohl das Grab des Joseph von Arimathäa war, in dem Jesus gelegen hatte: Eine Höhle im Fels und ein großes steinernes Rad, das man davor rollen konnte, um das Grab zu verschließen. Da dies außerdem ein schöner, ruhiger Ort ist – eine Seltenheit in Jerusalem – kamen wir gern hierher, um in einer Andacht an Tod und Auferstehung Jesu zu denken.

 

Während ich noch damit beschäftigt war, unsere Gruppe nach dem Aussteigen aus dem Bus zu sammeln, ging meine Frau schon mal vor – sie kannte sich ja aus.

 

Niemand war im Garten. Langsam ging sie zu der Grabhöhle mit dem großen Rollstein an der Seite.

 

Plötzlich stand da ein Mann mit einer grünen Schürze und einer Gießkanne – ein Gärtner. Er lächelte sie freundlich an. Hatte nicht Maria Magdalena den auferstandenen Jesus am Ostermorgen für einen Gärtner gehalten? So berichtet es das Johannesevangelium im zwanzigsten Kapitel. Es durchfuhr meine Frau der Gedanke: eine Situation wie damals! Jesus ist auferstanden! Kann man es treffender illustriert bekommen als mit einem Gärtner vor dem leeren Grab?

 

Wir kamen mit unsrer Gruppe an und der Gärtner verschwand. Aber uns alle berührte der Blick auf das Grab und der Gedanke an Jesus, den der Tod nicht halten konnte.

 

Solche Erlebnisse sind schön und können den Glauben stärken. Aber nötig für den Glauben sind sie nicht. Wir können auch so wissen, dass Jesus auferstanden ist – aus der Bibel und durch den heiligen Geist, und weil wir jederzeit mit ihm reden können im Gebet. Er lebte nicht nur in Jerusalem vor zweitausend Jahren, er lebt auch heute überall. Auch in Bonbaden, Neukirchen und Schwalbach.


Zwei Streichhölzer

 

 „Verrückt! Einfach verrückt!“ Frieder steigerte sich richtig in seinen Ärger. „Warum steckst du nur immer und immer wieder die abgebrannten Streichhölzer in die Schachtel zurück? Dabei habe ich das schon hundert Mal gesagt!“

 „Komm, hör auf!“ Simone ahnte, dass er sich nicht so bald beruhigen würde, wenn er einmal in Fahrt war. Und das am Heiligabend!

 

„Kannst du mir einen vernünftigen Grund nennen, warum du immer diese Sauerei mit dem schwarzen Krümelzeug… und dann braucht man immer erst die Brille, um zu sehen, welches Streichholz wohl noch zünden könnte, und weil man das nicht rauskriegt mit den Fingern, muss man immer alles…“

„Mach doch nicht so ´n Theater wegen einem Streichholz oder zweien!“

 

Er warf die Schachtel auf den Tisch neben das Gesteck, das er eigentlich anzünden wollte, und verließ unter wortlosem Protest die Weihnachtsstube. Am liebsten hätte er die Tür zugeknallt, was aber nicht ging, weil die kleine Katherina davor stand und herein drängte.

„Kann ich jetzt reinkommen, Papa?“

 

„Meinetwegen. Es findet aber keine feierliche Bescherung bei Kerzenschein statt. Ich habe kein Streichholz gefunden.“ Er eilte in sein Arbeitszimmer. Mein Gott, wie regt die Frau mich manchmal auf!, dachte er. Na ja, mit Gott hatte das wohl nichts zu tun. Oder vielleicht doch?

Als er nach dreizehneinhalb Minuten wieder zurückkam, rief ihm Katherina entgegen: „Wo warst du denn, Papa? Mama hat mir eine Geschichte erzählt, von den Schafen auf dem Feld von Bethlehem, wie die Engel kamen.“

 

Er sah, wie Simone auf dem Tisch die Streichhölzer spielerisch geordnet hatte. „Es waren lauter weiße Schafe und zwei schwarze“, sagte sie. Leise, aber mit einem leicht trotzigen Unterton.

„Erzählst du mir auch eine Geschichte, Papa?“

 

„Ja“, sagte er und setzte sich neben Simone. Er legte den Arm um sie und flüsterte: „Entschuldige bitte!“ Sie reagierte nicht. Katherina kletterte auf seinen Schoß.

„Also: Es war mal eine Stadt, da herrschten Dunkelheit und Kälte. Das war in der Zeit, als es noch keinen elektrischen Strom und so was gab. Die Leute hatten zwar alle Kerzen und Öfen mit Kohle. Aber sie hatten keine Streichhölzer. Sie durchsuchten alle ihre Häuser vom Boden bis zum Keller. Manchmal fanden sie eine Schachtel, aber es waren nur abgebrannte Hölzchen drin. So mussten sie schrecklich frieren und Angst haben im Dunkeln. Auf einmal aber sagte eine Stimme vom Himmel zu einigen armen Leuten: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude! Seht mal im Stall nach! Da findet ihr Licht und Wärme. Und sie kamen eilend und fanden beides. Hier brannte tatsächlich eine Kerze und ein Ofenfeuer. Sie entzündeten daran ihre Lampen, und daran zündeten wieder alle anderen ihre Kerzen und ihre Öfen. Ich auch.“

„Du?“, staunte Katherina.

Simone sagte leise: „Kannst du mir auch mal Feuer geben?“


Der Traum

 

Neulich habe ich geträumt.

 

Ich hatte Kummer. Da fiel mir ein, dass ich kurz zuvor das Wort von Gott im Psalm gelesen hatte: „Rufe mich an in der Not!“

 

Also – so träumte ich – rief ich an.

 

„Hier ist der Himmel“, hörte ich. „Zur Verbesserung unserer Kundenbetreuung zeichnen wir das Gespräch auf. Wenn Sie damit einverstanden sind, sagen Sie: Ja!“

 

„Ja“, sagte ich. Ich hatte sowieso erwartet, dass im Himmel alles gespeichert ist.

 

„Wenn es sich bei ihrem Anliegen um eine Bitte handelt, drücken Sie eins. Handelt es sich um eine Klage oder Unmutsäußerung, drücken Sie zwei. Wenn Sie eine positive…“

 

Ich drückte eins.

 

„Sie haben eine Bitte vorzubringen. Handelt es sich um Heilung von einer Krankheit körperlicher Art, drücken Sie eins. Bei seelischen Problemen drücken Sie zwei. Wollen Sie für einen anderen Menschen bitten, drücken Sie drei. Geht es um die allgemeine Weltlage, drücken Sie bitte die vier. Wenn Sie Vergebung für eine Sünde…“ Ich drückte eins und zwei zusammen, weil ich nicht so schnell entscheiden konnte, ob mein Problem nur körperlicher oder auch psychischer Art war.

 

„Ihre Angaben waren unverständlich. Wenn sie ein Problem körperlicher Art haben, drücken Sie eins. Bei seelischen…“

 

Ich wollte mir das alles nicht noch einmal anhören und drückte diesmal nur die eins, notgedrungen.

 

„Bitte haben Sie etwas Geduld. Sobald ein Mitarbeiter frei ist, wird Ihre Verbindung geschaltet.“

 

Entnervt schreckte ich aus dem Schlaf. Ich war verschwitzt und mein Atem ging wie ein Blasebalg.

 

Nach einer Weile hatte ich mich etwas beruhigt. Immerhin war ich jetzt richtig wach. Und ich betet: „Himmlischer Vater, ich danke Dir, dass ich jederzeit mit Dir reden kann. Mit Dir persönlich! Überall und ungehindert und über alles, was mich bewegt. Du hörst mich und hilfst und gibst Kraft und Trost.“


Aufwind

 

Als Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Rhön die Segelfliegerei entwickelt wurde, entstand in einem Ort in der Nähe ein Verein. Man war begeistert von diesem Sport, legte zusammen, um ein Segelflugzeug zu kaufen, und viele lernten fliegen. Die Nazis förderten das, weil sie hofften, auf diese Weise Flugbegeisterte zu finden, die sie später zu Kampfpiloten ausbilden könnten.

 

Nach dem Krieg war alles vorbei. Die Amerikaner erlaubten keine Fliegerei. Aber der Verein bestand weiter.

 

Einmal kam ein Pfarrer in den Ort, um dort Urlaub zu machen. Er lernte den Verein kennen und sagte zu dem Vorsitzenden, der sein Zimmervermieter war:

 

„Sie haben einen seltsamen Verein! Alle reden vom Fliegen, von Wetter und Aufwind, von Gewicht, Luftwiderständen und Tragflächenprofilen. Sie haben unzählige Bilder von Flugzeugen an den Wänden und bringen Stunden zu mit der Erinnerung an wunderbare Flüge. Nur das Wichtigste fehlt: ein Flugzeug. Sie können nicht fliegen. Es ist alles nur Theorie!“

 

Da antwortete ihm der Mann: „Ist es in Ihrer Kirche nicht genau so? Sie reden von großartigen Ereignissen, die vor 2000 Jahren geschehen sind und sprechen begeistert von Gott. Aber wo ist er? Genau wie unser Verein beschäftigen Sie sich mit der Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit und begeistern sich an Theorien. Sie pflegen hohl gewordene Traditionen. Aber das Eigentliche fehlt: Gott ist nicht da.“

 

Hat er Recht, dieser Mann?

 

Dann wäre die Gemeinde wirklich ein jämmerlicher Verein. Dann hätten wir tatsächlich etwas Großartiges verloren.

 

Aber das ist doch gar nicht nötig! Gott ist doch wirklich unter uns! Wir sehen ihn zwar nicht. Aber er redet mit uns, wenn wir auf ihn hören; er hört auf uns, wenn wir mit ihm reden. Er leitet uns, er tröstet uns, er hilft uns. Mit ihm zu leben ist etwas Wunderbares, ungleich schöner als ein Flug bei Sonnenschein über der Rhön. Der Aufwind seiner Liebe trägt uns.

 

Ganz real!


Beten, das Atemholen der Seele

 

Überrascht blieb ich stehen. Beim Streifen durch den Wald erwartet man ja höchstens, ein Reh aufzuscheuchen oder einen besonderen Pilz zu finden. Aber nicht, dass da ein Rohr aus dem Boden kommt! Aber hier war ein dickes Metallrohr, mit einem kleinen Dach gegen den Regen darüber. Offensichtlich ein Produkt menschlicher Zivilisation.

 

Aber dann fiel es mir ein: Das musste ein „Wetterschacht“ sein, ein Rohr zur Frischluftzufuhr für die Grube Fortuna unter meinen Füßen. Vor einiger Zeit war ich ja da unten gewesen mit Frau und Enkelin. Da fährt man sogar eine weite Strecke mit einem Bähnchen. Das Ende ist so weit vom Eingang entfernt, dass die Luft vom draußen nicht bis da hin kommt.

 

Während ich weiter wanderte – immer mit dem Gedanken an den dunklen Gang unter mir – freute ich mich am Sonnenschein und an der frischen Luft hier oben. Und daran, dass ich nicht da unten mein täglich Brot verdienen musste.

 

Und noch ein Gedanke bewegte mich: Man kann unser Leben mit seiner Dunkelheit und manchen Engstellen mit der Arbeit in einem Stollen vergleichen. Demgegenüber gleicht Gottes Welt der Freiheit in Licht und Luft. Glücklicherweise gibt es immer mal „Wetterlöcher“, Kontaktstellen zwischen unsrer Welt und der Welt Gottes. Ohne die Zufuhr von „Frischluft“ aus seinem himmlischen Reich könnte unser Glaube nicht überleben.

 

Das Gebet ist so eine Verbindung nach oben, auch das Hören auf sein Wort. Jemand sagte einmal: „Beten ist das Atemholen der Seele.“

 


Die Wäscheklammer

 

Vor ungefähr achtzig Jahren habe ich das Licht der Welt erblickt. Vor ungefähr neunundsiebzig Jahren habe ich die ersten Schritte in diese Welt getan.

 

Wie das vor sich ging, weiß ich natürlich nicht mehr aus eigner Erinnerung, aber man hat mir später davon erzählt.

 

Ich tat mir schwer mit den ersten Schritten. Meine Mutter musste mich an der Hand halten, wie das die meisten Mütter mit den meisten Kindern tun. Als sie fand, es würde nun Zeit, dass ich meine Angst überwinde und alleine laufe, wandte sie einen Trick an. Sie drückte mir eine Wäscheklammer in die Hand, die sie am anderen Ende hielt. So tippelte ich mit ihrer Hilfe durch die Wohnung.

 

Irgendwann ließ sie die Klammer los. Ich aber nicht. Ich hielt sie tapfer hoch, als würde sie mich noch mit meiner Mutter verbinden. Für meine Balance brauchte ich sie eigentlich nicht, aber wohl für mein seelisches Gleichgewicht. Ich klammerte mich also an die Klammer in der irrigen Meinung, sie gäbe mir Halt. Dabei gab umgekehrt ich ihr Halt.

 

So hat meine Mutter es mir später erzählt. Es muss ein lustiges Bild gewesen sein, wie der Kleine durch die Stube tappte mit hoch erhobener rechter Hand, und darin einer hölzernen Wäscheklammer.

 

Es dauerte nicht mehr lange, bis ich ohne diese Hilfe laufen konnte, die ja gar keine Hilfe war. Es dauerte aber länger, bis ich einen Halt für mein ganzes Leben fand. Was ich damit meine?

 

Wir Menschen neigen dazu, einen Halt für unser Leben in Dingen zu suchen, die in Wirklichkeit wir erst selbst halten müssen – Hobbys etwa, Besitz oder das Streben nach Anerkennung. Aber was wir uns erarbeiten müssen, was wir also selbst halten müssen, gibt uns nicht wirklich Halt. Denn wenn wir fallen, fällt es auch. Nur was von uns unabhängig ist, was größer und stärker ist als wir selbst, kann uns Halt geben. Das habe ich im Glauben an Jesus Christus gefunden.

Er streckt uns Menschen liebevoll seine Hand entgegen. Wir müssen sie nur ergreifen.


Dumme Schafe – und ich

 

Im Weiltal bei Essershausen führte mich mein Spaziergang einen Hang entlang. Weiter unten waren Schafe eingepfercht. Sie grasten friedlich und ich freute mich an dem Anblick. Auch, weil mir die biblischen Bilder vom „guten Hirten“ Jesus und seiner Herde in den Sinn kamen.

 

Da sah ich auf einmal zwei Schafe außerhalb des Zauns. Dort wuchs kein Gras, da war nur gepflügtes Ackerland. Die beiden Tiere hatten das auch schon gemerkt und versuchten, zu der übrigen Herde auf der Weide zu kommen.

 

Was war da passiert? Als ich das Loch im Weidezaun bemerkte, konnte ich es mir denken. Irgendeine grüne Pflanze am Rand hatte die Schafe anscheinend verlockt, durch die Lücke nach draußen zu schlüpfen, um sich den Leckerbissen zu holen. Nun mussten sie feststellen, dass es hier sonst nichts zu fressen gab. Sie wollten wieder zurück, fanden aber das Loch im Zaun nicht mehr.

 

Eine Weile sah ich zu und überlegte, ob ich den armen Tieren helfen sollte. Da ich aber mit Schafen keinerlei Erfahrung habe und es außerdem sehr matschig war, siegte meine Bequemlichkeit über meine Tierliebe, und ich ging weiter in der Hoffnung, dass die Ausreißer irgendwann allein zurückfinden würden.

 

Da ging mir durch den Kopf: Wir Menschen machen es ja oft so ähnlich. Eigentlich sollten wir zur Herde des guten Hirten gehören. Und – um mit Psalm 23 zu sprechen – die „grünen Auen“ und das „frische Wasser“, die er mir bieten, sind ja auch genug. Mehr als genug! Ohne Bild gesprochen: Bei Jesus finde ich Geborgenheit in aller Angst, Freude und Trost in Trauer, einen Sinn des Lebens und ein Ziel. Aber dann ist da irgendetwas, das mich anlockt. Ich bilde mir ein, wenn ich dieses habe oder jenes tue, bringt mir das mehr Zufriedenheit. Die Enttäuschung kommt meistens schnell.

 

Ich vermute, dass die Schafe kaum zur Selbsterkenntnis fähig sind. Wenn doch, dann haben die beiden wohl gedacht: Es war verrückt von uns, auf so eine Verlockung hereinzufallen. Dumme Schafe waren wir! Was machen wir jetzt? Am besten, wir warten auf den guten Hirten, der uns wieder zurückbringt.

 

Nicht schwer zu raten, was ich mir vornahm, von diesem Erlebnis mit nach Hause zu nehmen.