Der Traum

 

Neulich habe ich geträumt.

 

Ich hatte Kummer. Da fiel mir ein, dass ich kurz zuvor das Wort von Gott im Psalm gelesen hatte: „Rufe mich an in der Not!“

 

Also – so träumte ich – rief ich an.

 

„Hier ist der Himmel“, hörte ich. „Zur Verbesserung unserer Kundenbetreuung zeichnen wir das Gespräch auf. Wenn Sie damit einverstanden sind, sagen Sie: Ja!“

 

„Ja“, sagte ich. Ich hatte sowieso erwartet, dass im Himmel alles gespeichert ist.

 

„Wenn es sich bei ihrem Anliegen um eine Bitte handelt, drücken Sie eins. Handelt es sich um eine Klage oder Unmutsäußerung, drücken Sie zwei. Wenn Sie eine positive…“

 

Ich drückte eins.

 

„Sie haben eine Bitte vorzubringen. Handelt es sich um Heilung von einer Krankheit körperlicher Art, drücken Sie eins. Bei seelischen Problemen drücken Sie zwei. Wollen Sie für einen anderen Menschen bitten, drücken Sie drei. Geht es um die allgemeine Weltlage, drücken Sie bitte die vier. Wenn Sie Vergebung für eine Sünde…“ Ich drückte eins und zwei zusammen, weil ich nicht so schnell entscheiden konnte, ob mein Problem nur körperlicher oder auch psychischer Art war.

 

„Ihre Angaben waren unverständlich. Wenn sie ein Problem körperlicher Art haben, drücken Sie eins. Bei seelischen…“

 

Ich wollte mir das alles nicht noch einmal anhören und drückte diesmal nur die eins, notgedrungen.

 

„Bitte haben Sie etwas Geduld. Sobald ein Mitarbeiter frei ist, wird Ihre Verbindung geschaltet.“

 

Entnervt schreckte ich aus dem Schlaf. Ich war verschwitzt und mein Atem ging wie ein Blasebalg.

 

Nach einer Weile hatte ich mich etwas beruhigt. Immerhin war ich jetzt richtig wach. Und ich betete: „Himmlischer Vater, ich danke Dir, dass ich jederzeit mit Dir reden kann. Mit Dir persönlich! Überall und ungehindert und über alles, was mich bewegt. Du hörst mich und hilfst und gibst Kraft und Trost.“

 

 

 


Aufwind

 

Als Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Rhön die Segelfliegerei entwickelt wurde, entstand in einem Ort in der Nähe ein Verein. Man war begeistert von diesem Sport, legte zusammen, um ein Segelflugzeug zu kaufen, und viele lernten fliegen. Die Nazis förderten das, weil sie hofften, auf diese Weise Flugbegeisterte zu finden, die sie später zu Kampfpiloten ausbilden könnten.

 

Nach dem Krieg war alles vorbei. Die Amerikaner erlaubten keine Fliegerei. Aber der Verein bestand weiter.

 

Einmal kam ein Pfarrer in den Ort, um dort Urlaub zu machen. Er lernte den Verein kennen und sagte zu dem Vorsitzenden, der sein Zimmervermieter war:

 

„Sie haben einen seltsamen Verein! Alle reden vom Fliegen, von Wetter und Aufwind, von Gewicht, Luftwiderständen und Tragflächenprofilen. Sie haben unzählige Bilder von Flugzeugen an den Wänden und bringen Stunden zu mit der Erinnerung an wunderbare Flüge. Nur das Wichtigste fehlt: ein Flugzeug. Sie können nicht fliegen. Es ist alles nur Theorie!“

 

Da antwortete ihm der Mann: „Ist es in Ihrer Kirche nicht genau so? Sie reden von großartigen Ereignissen, die vor 2000 Jahren geschehen sind und sprechen begeistert von Gott. Aber wo ist er? Genau wie unser Verein beschäftigen Sie sich mit der Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit und begeistern sich an Theorien. Sie pflegen hohl gewordene Traditionen. Aber das Eigentliche fehlt: Gott ist nicht da.“

 

Hat er Recht, dieser Mann?

 

Dann wäre die Gemeinde wirklich ein jämmerlicher Verein. Dann hätten wir tatsächlich etwas Großartiges verloren.

 

Aber das ist doch gar nicht nötig! Gott ist doch wirklich unter uns! Wir sehen ihn zwar nicht. Aber er redet mit uns, wenn wir auf ihn hören; er hört auf uns, wenn wir mit ihm reden. Er leitet uns, er tröstet uns, er hilft uns. Mit ihm zu leben ist etwas Wunderbares, ungleich schöner als ein Flug bei Sonnenschein über der Rhön. Der Aufwind seiner Liebe trägt uns.

 

 

 

Ganz real!

 

 


Beten, das Atemholen der Seele

 

 

 

 Überrascht blieb ich stehen. Beim Streifen durch den Wald erwartet man ja höchstens, ein Reh aufzuscheuchen oder einen besonderen Pilz zu finden. Aber nicht, dass da ein Rohr aus dem Boden kommt! Aber hier war ein dickes Metallrohr, mit einem kleinen Dach gegen den Regen darüber. Offensichtlich ein Produkt menschlicher Zivilisation.

 

Aber dann fiel es mir ein: Das musste ein „Wetterschacht“ sein, ein Rohr zur Frischluftzufuhr für die Grube Fortuna unter meinen Füßen. Vor einiger Zeit war ich ja da unten gewesen mit Frau und Enkelin. Da fährt man sogar eine weite Strecke mit einem Bähnchen. Das Ende ist so weit vom Eingang entfernt, dass die Luft vom draußen nicht bis da hin kommt.

 

Während ich weiter wanderte – immer mit dem Gedanken an den dunklen Gang unter mir – freute ich mich am Sonnenschein und an der frischen Luft hier oben. Und daran, dass ich nicht da unten mein täglich Brot verdienen musste.

 

Und noch ein Gedanke bewegte mich: Man kann unser Leben mit seiner Dunkelheit und manchen Engstellen mit der Arbeit in einem Stollen vergleichen. Demgegenüber gleicht Gottes Welt der Freiheit in Licht und Luft. Glücklicherweise gibt es immer mal „Wetterlöcher“, Kontaktstellen zwischen unsrer Welt und der Welt Gottes. Ohne die Zufuhr von „Frischluft“ aus seinem himmlischen Reich könnte unser Glaube nicht überleben.

 

Das Gebet ist so eine Verbindung nach oben, auch das Hören auf sein Wort. Jemand sagte einmal: „Beten ist das Atemholen der Seele.“

 


 

Die Wäscheklammer

 

 

 

Vor ungefähr achtzig Jahren habe ich das Licht der Welt erblickt. Vor ungefähr neunundsiebzig Jahren habe ich die ersten Schritte in diese Welt getan.

 

Wie das vor sich ging, weiß ich natürlich nicht mehr aus eigner Erinnerung, aber man hat mir später davon erzählt.

 

Ich tat mir schwer mit den ersten Schritten. Meine Mutter musste mich an der Hand halten, wie das die meisten Mütter mit den meisten Kindern tun. Als sie fand, es würde nun Zeit, dass ich meine Angst überwinde und alleine laufe, wandte sie einen Trick an. Sie drückte mir eine Wäscheklammer in die Hand, die sie am anderen Ende hielt. So tippelte ich mit ihrer Hilfe durch die Wohnung.

 

Irgendwann ließ sie die Klammer los. Ich aber nicht. Ich hielt sie tapfer hoch, als würde sie mich noch mit meiner Mutter verbinden. Für meine Balance brauchte ich sie eigentlich nicht, aber wohl für mein seelisches Gleichgewicht. Ich klammerte mich also an die Klammer in der irrigen Meinung, sie gäbe mir Halt. Dabei gab umgekehrt ich ihr Halt.

 

So hat meine Mutter es mir später erzählt. Es muss ein lustiges Bild gewesen sein, wie der Kleine durch die Stube tappte mit hoch erhobener rechter Hand, und darin einer hölzernen Wäscheklammer.

 

Es dauerte nicht mehr lange, bis ich ohne diese Hilfe laufen konnte, die ja gar keine Hilfe war. Es dauerte aber länger, bis ich einen Halt für mein ganzes Leben fand. Was ich damit meine?

 

Wir Menschen neigen dazu, einen Halt für unser Leben in Dingen zu suchen, die in Wirklichkeit wir erst selbst halten müssen – Hobbys etwa, Besitz oder das Streben nach Anerkennung. Aber was wir uns erarbeiten müssen, was wir also selbst halten müssen, gibt uns nicht wirklich Halt. Denn wenn wir fallen, fällt es auch. Nur was von uns unabhängig ist, was größer und stärker ist als wir selbst, kann uns Halt geben. Das habe ich im Glauben an Jesus Christus gefunden. Er streckt uns Menschen liebevoll seine Hand entgegen. Wir müssen sie nur ergreifen.